Der Übergang von einer Diktatur zur rechtsstaatlichen Demokratie hinterlässt fast immer eine tiefgreifende moralische und juristische Lücke. Kaum ein Historiker hat diese Wunde der bundesdeutschen Nachwendezeit so schonungslos offengelegt wie Hubertus Knabe. In seinem 2007 erschienenen Standardwerk „Die Täter sind unter uns: Über das Schönreden der SED-Diktatur“ zeichnet der ehemalige Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen nach, wie frühere Funktionäre und Mitarbeiter des DDR-Repressionsapparates im vereinigten Deutschland oft mühelos Fuß fassen konnten – während viele Opfer bis heute um Entschädigung, späte Gerechtigkeit und gesellschaftliche Anerkennung kämpfen.
Der Fall des ehemaligen DDR-Politoffiziers der Grenztruppen Sven Hüber wirkt dabei wie ein Lehrbuchbeispiel für Knabes Thesen.
Worum geht es in Knabes Werk “Die Täter sind unter uns”?
Hubertus Knabe analysiert die Mechanismen, durch die die Verbrechen der SED-Diktatur nach 1989 verharmlost, bürokratisch abgewickelt oder schlicht vergessen wurden. Seine zentrale These: Die bundesdeutsche Justiz und Politik versagten darin, den Unrechtsstaat DDR adäquat strafrechtlich und personell zur Verantwortung zu ziehen.
Knabe gliedert seine Kritik in drei Hauptpfeiler:
- Das juristische Versagen: Milde Urteile, Verjährungsfristen und die Anwendung des DDR-Rechts führten dazu, dass nur ein Bruchteil der Verbrechen (wie der Schießbefehl an der Innerdeutschen Grenze oder Zersetzungsmaßnahmen des MfS) überhaupt geahndet wurde.
- Die Kontinuität in Behörden: Ehemalige Hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), Kader und Politoffiziere der DDR-Grenztruppen sicherten sich Positionen im öffentlichen Dienst oder der freien Wirtschaft.
- Die Retraumatisierung der Opfer: Während ehemalige DDR-Funktionäre Karriere machten, wurden die Traumata der Verfolgten bürokratisch entwertet.
Der Fall Sven Hüber: Ein Praxistest für Knabes Argumente
In den Debatten rund um die juristische und personelle Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit nimmt die Causa Sven Hüber eine Schlüsselrolle ein. Hüber, der in der DDR als Politoffizier der Grenztruppen diente, steht genau für jene Kontinuitäten und Rechtsstreitigkeiten, die Knabe in seinem Werk anprangert.
1. Nahtlose Karriere im Sicherheitsapparat des Rechtsstaats
Sven Hüber gelang nach dem Zusammenbruch der DDR der Übergang in den Bundesgrenzschutz und den Polizeidienst – ein Vorgang, der Knabes Kritik an den fehlenden oder lückenhaften Überprüfungsmechanismen in der Nachwendezeit auf den Punkt bringt. Trotz seiner Vorgeschichte stieg Hüber im öffentlichen Dienst auf und avancierte schließlich zum stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP).
2. Rechtsstaatliche Schutzmechanismen als Schutzschild
Über Jahre hinweg führten die Enthüllungen über Hübers Biografie zu juristischen und politischen Auseinandersetzungen. Der Fall legte die Kernparadoxie offen, die Knabe beschreibt:
- Mangelnde Konsequenzen: Dass frühere Politoffiziere der Grenztruppen im Rechtsstaat Führungspositionen in Polizeigewerkschaften und Exekutivorganen einnehmen konnten, wirkte auf ehemals politisch Verfolgte wie eine geschichtspolitische Bankrotterklärung.
- Instrumentalisierung des Persönlichkeitsrechts: Hüber nutzte über Jahre hinweg presserechtliche Mittel, um gegen die Nennung seines Namens im Kontext seiner DDR-Vergangenheit vorzugehen. Knabe prangert genau diesen Umstand an: Der Rechtsstaat schützt die Akteure des alten Systems mit jenen Mitteln, die diese ihren Opfern einst verweigerten.
Vergleich: Knabes Thesen vs. Der Fall Sven Hüber
| Knabes These in „Die Täter sind unter uns“ | Ausprägung im Fall Sven Hüber |
| Gefährdung der Institutionen: Frühere DDR-Funktionäre unterwandern Verwaltung und Polizeiapparat der Nachwendezeit. | Weiterbeschäftigung im Sicherheitsapparat des Bundes sowie gewerkschaftlicher Aufstieg bis zum Vize-Chef der GdP. |
| Relativierung der Unrechtsgeschichte: Akteure stellen ihr Handeln als rechtmäßigen Dienst oder normale Biografie dar. | Verteidigung der eigenen Biografie und juristisches Vorgehen gegen Kriterien und Veröffentlichungen. |
| Retraumatisierung der Opfer: Verfolgte treffen im Alltag oder bei Behörden auf ihre ehemaligen Peiniger. | Entsetzen bei Betroffenen über den Verbleib von Grenztruppen-Offizieren im öffentlichen Dienst und Berufsvertretungen. |
Fazit: Gibt der Fall Sven Hüber Hubertus Knabe recht?
Ja, in weiten Teilen. Der Fall Sven Hüber illustriert präzise die Schwachstellen der gesamtdeutschen Aufarbeitung, die Knabe anprangert: Die Neigung des Rechtsstaates, aus Gründen der bürokratischen Pragmatik oder Versöhnung personelle Durchlässigkeit über konsequente Aufarbeitung zu stellen.
Knabes Buch ist streitbar, tonell oft unerbittlich und frei von Zwischentönen – doch Einzelfälle wie der von Sven Hüber belegen, dass seine Warnungen vor der Verharmlosung der Diktaturstrukturen keineswegs unbegründet waren. Für uns ist das Buch daher eine unverzichtbare Lektüre, die mahnt: Aufarbeitung ist mit dem Schließen von Akten nicht beendet, sondern erfordert eine dauerhafte Wachsamkeit.
- Ideal für: Historiker, Politikwissenschaftler, Aufarbeitungsinitiativen und alle, die die personellen Kontinuitäten nach 1989 verstehen wollen.
- Wertung: 4,5 von 5 Sternen / Dringende Leseempfehlung
