Zwischen dem 15. und frühen 18. Jahrhundert erlebte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation die intensivste Hexenverfolgung in Europa – weit stärker als Frankreich, England, Spanien oder Italien. Etwa 40–60 % aller europäischen Hexenprozesse fanden im Gebiet des Reiches statt. Die Verfolgung war nicht nur Ausdruck religiöser Ideologie, sondern zugleich ein Instrument sozialer Kontrolle, politischer Herrschaft, Beamtenkorruption und Machtstabilisierung. Hexereiprozesse dienten vielerorts als Mittel, innere Krisen nach außen zu projizieren – auf einzelne „Schuldige“.
Warum gerade das Heilige Römische Reich Deutscher Nation?
| Faktor | Bedeutung |
|---|---|
| Zersplitterung des Reichs | Über 300 Territorien mit eigener Gerichtsbarkeit → keine einheitliche Rechtsprechung. |
| Schwacher Zentralstaat | Kaiser hatte kaum Einfluss → lokale Herrscher konnten Justiz für Machtzwecke nutzen. |
| Konfessionelle Konkurrenz | Katholische & protestantische Gebiete verfolgten gleichermaßen – kein rein konfessionelles Phänomen. |
| Rechtssystem | „Peinliche Befragung“ (Folter) war zulässig → Geständnisse erzwungen → Massenprozesse. |
| Wirtschaftskrisen & Klimakatastrophen | Hunger, Missernten, Pest → Suche nach Sündenböcken. |
| Soziale Mechanismen | Denunziationssysteme, Nachbarschaftskonflikte, Erbschaftsinteressen. |
Hexenprozesse waren keine blinden religiösen Exzesse, sondern hochorganisierte Machtprozesse, die in vielen Fällen der Bereicherung der Obrigkeit dienten.
Die größten Hochburgen der Hexenverfolgung
Fürstbistum Würzburg (ca. 1626–1631)
- Ca. 900–1.000 Hinrichtungen, darunter Kinder, Adelige, Geistliche
- Eine der größten Massenverfolgungen der Weltgeschichte
- Bischof Philipp Adolf von Ehrenberg war Initiator
- Systematische Erfassung ganzer Bevölkerungsgruppen (z. B. alle Bettler, Greise, Frauen ohne Ehemann, Kinder mit angeblicher Teufelsmale)
- Beispiel für totalitäre Justiz: Wer Zweifel äußerte, kam selbst auf den Scheiterhaufen
Bamberg (ca. 1623–1632)
- Ca. 600 Hinrichtungen
- Einrichtung eines eigenen Hexengefängnisses („Drudenhaus“)
- Konfiszierung von Vermögen war offizieller Bestandteil der Prozesse → Justiz als Finanzierungsmodell
- Opfer u. a. Bürgermeister, Stadträte, Geistliche → politische Säuberung
Trier (ca. 1581–1593)
- Ca. 1.000 Opfer, eine ganze Dorfgemeinde wurde ausgelöscht
- Der Jesuit Peter Binsfeld schrieb dort das einflussreiche Werk Tractatus de confessionibus maleficorum
- Verfolgung diente der Durchsetzung der Gegenreformation
Kurpfalz, Ellwangen, Eichstätt, Köln, Speyer, Mergentheim
- In vielen dieser Orte wurden mehrere Hundert Menschen hingerichtet
- Oft lokaler „Hexenkommissar“ → privatisierte Justiz
- Hexenmeister wurden bezahlt pro Verurteilte*r → Anreizsystem
Norddeutschland: Lemgo, Verden, Mecklenburg, Pommern
- Besonders im Dreißigjährigen Krieg Eskalation
- Lemgo (174 Opfer) führte Prozesse noch bis 1707 – eines der spätesten Beispiele
Konstanz: Das Bistum als Epizentrum des „Hexenhammers“
Die Stadt Konstanz und das gleichnamige Bistum nehmen eine Schlüsselrolle in der frühen Geschichte der europäischen Hexenverfolgung ein. Ende des 15. Jahrhunderts entwickelte sich der Bodenseeraum zu einem geistigen und praktischen Zentrum des Hexenwahns. Dies ist untrennbar mit dem Inquisitor Heinrich Kramer (Institoris) verbunden, der im Bistum Konstanz tätig war. Bevor er sein berüchtigtes Werk Malleus Maleficarum (der „Hexenhammer“) veröffentlichte, führte er in der Region systematische Prozesse durch.
Allein zwischen 1482 und 1486 wurden nach Kramers eigenen Angaben im Bistum Konstanz 48 Frauen als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Konstanz selbst war dabei Schauplatz öffentlicher Demütigungen und Verurteilungen, die oft auf dem Obermarkt stattfanden. Die Region litt in jener Zeit unter schweren Hagelunwettern und Missernten, für die man „Schadenzauber“ verantwortlich machte. Während die Stadt Konstanz später im Vergleich zu den massiven Verfolgungswellen in den süddeutschen Fürstbistümern des 17. Jahrhunderts moderater agierte, bleibt sie als Geburtsstätte der ideologischen Grundlagen der Hexenverfolgung historisch bedeutsam.
Während des Konstanzer Konzils (1414–1418) wurden hier die Reformatoren Jan Hus und Hieronymus von Prag verraten und verbrannt.
Wer wurde verfolgt? – Muster der Opferauswahl
| Typische Opfer | Grund der Anfälligkeit |
|---|---|
| Frauen (70–80 %) | patriarchale Strukturen, Misogynie, Besitzlosigkeit |
| Alte Menschen | Armut, schwache soziale Stellung, Pflegekosten |
| Außenseiter & Unangepasste | Heilerinnen, Hebammen, Witwen, Randgruppen |
| Kinder | oft „mitverhaftet“, weil angeblich vom Teufel „infiziert“ |
| Wohlhabende Bürger*innen | Vermögenseinzug als Motivation der Obrigkeit |
| Politische Gegner | Hexereivorwurf als Entmachtungsinstrument |
Hexenprozesse waren ein System organisierter Willkür, das nach unten (Arme) und nach oben (politisch Mächtige mit Besitz) schlagen konnte – je nach Interessenlage.
Mechanismus der politischen Verfolgung
- Anschuldigung (oft anonym oder unter Folter erzwungen)
- Verhaftung und Isolierung
- Folter → Geständnis → Namensnennung weiterer „Hexen“
- Kettenreaktion durch Denunziation unter Folter
- Konfiszierung von Vermögen (lohnt sich für Staat / Kirche / Amtsträger)
- Öffentliche Hinrichtung (Scheiterhaufen, Enthauptung)
- Propaganda: „Ordnung wiederhergestellt“
Dies ist die historische Blaupause für viele spätere Systeme politischer Verfolgung:
- Inquisition
- Jakobinischer Terror
- Stalinistische Säuberungen
- Nationalsozialistische „Volksschädlinge-Gesetze“
- DDR-Staatssicherheitslogik
- Moderne autoritäre Anti-Terror-Gesetzgebung
Muster: Staat definiert Feindbild → Justiz opfert Rechtsstaat → Gesellschaft liefert die Opfer.
Warum endeten die Hexenverfolgungen?
| Ursache | Wirkung |
|---|---|
| juristische Reform (Carolina-Revision) | Einschränkung von Folter & Beweislast |
| zunehmender Druck von Reichsgerichten | Appellationsrecht eingeführt |
| Aufklärung (z. B. Spee, Thomasius) | erste intellektuelle Kritik |
| ökonomische Erschöpfung | Prozesse zu teuer, Bevölkerung dezimiert |
| politische Stabilisierung nach Kriegen | weniger Bedarf an Sündenböcken |
Der letzte Hexenprozess im Reich fand 1775 in Kempten statt. Formal abgeschafft wurden Hexenprozesse erst 1812 in Bayern, 1830 in Preußen.
Parallelen zur heutigen politischen Verfolgung
- Sündenbockmechanismen bleiben gleich
- Justiz kann zum Machtinstrument werden
- Angst & Massenhysterie ersetzen Recht & Beweis
- Willkür beginnt immer mit sprachlicher Entmenschlichung („Hexe“, „Volksfeind“, „Gefährder“)
- Wo der Rechtsstaat ausgesetzt wird, entsteht Verfolgung – egal ob religiös, ideologisch oder medizinisch begründet
Fazit – Ein System politischer Herrschaftsausübung
Die Hexenverfolgungen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation waren kein Aberglaube-Unfall, sondern ein System politischer Herrschaftsausübung mit juristischer Fassade. Sie zeigen, wie schnell ein Staat den Rechtsstaat außer Kraft setzen kann – und wie bereit eine Bevölkerung sein kann, Gewalt zu unterstützen, wenn sie glaubt, dass es „die Richtigen“ trifft.
Wer Hexenprozesse als Vergangenheit abtut, hat ihre Warnung nicht verstanden. Jede politische Verfolgung beginnt mit derselben Frage:
„Wer gilt als gefährlich – und wer entscheidet das?“
Quellen
Primärquellen (Zeitdokumente, Prozessakten, Traktate)
Binsfeld, Peter. Tractatus de confessionibus maleficorum et sagarum. Trier, 1589.
Spee, Friedrich von. Cautio Criminalis, oder rechtliches Bedenken wegen der Hexenprozesse. 1631.
Carolina (Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V.). 1532.
Clodius, Johann. Historia persecutionis Haereticorum. Frankfurt am Main, 1693.
Feyerabend, Sigmund. Historia von den Unholden oder Hexen und ihrer Zauberey. Frankfurt, 1587.
Prozessakten der Hexenprozesse in Bamberg (Staatsarchiv Bamberg, Hexenakten 1623–1633).
Würzburger Hexenprotokolle (Staatsarchiv Würzburg, Prozessbestände 1626–1631).
Standardwerke und moderne Forschungsliteratur
Behringer, Wolfgang. Hexen: Glaube, Verfolgung, Vermarktung. C. H. Beck, 2021.
Behringer, Wolfgang. Hexenverfolgung in Bayern: Volksmagie, Glaubenseifer und Staatsräson. R. Oldenbourg, 1987.
Gestrich, Andreas. Geschichte der Familie. Kröner, 2007. (Sozialgeschichtliche Einordnung)
Henningsen, Gustav. The Witches’ Advocate: Basque Witchcraft and the Spanish Inquisition. Reno: University of Nevada Press, 1980.
Kramer, Heinrich, und Jakob Sprenger. Malleus Maleficarum (Hexenhammer). 1486.
Midelfort, Erik. Witch Hunting in Southwestern Germany, 1562–1684: The Social and Intellectual Foundations. Stanford UP, 1972.
Roper, Lyndal. Witch Craze: Terror and Fantasy in Baroque Germany. Yale UP, 2004.
Rothmann, Michael. Hexenverfolgung im Reich und die Dokumentation in den Archiven. Vandenhoeck & Ruprecht, 2020.
Schnyder, André. Hexen und Zauberer: Geschichte eines europäischen Deutungsmusters. Reclam, 2016.
Schulte, Christoph. Hexenprozesse und gelehrte Diskurse. Campus Verlag, 2014.
Trevor-Roper, Hugh. The European Witch-Craze of the Sixteenth and Seventeenth Centuries. Penguin, 1969.
Wissenschaftliche Fachartikel
Bengt Ankarloo: „Witchcraft and the Rise of the State“. Scandinavian Journal of History, vol. 18, 1993, pp. 289–306.
Kors, Alan Charles. „The European Witch Trials: Their Foundations in Popular and Learned Culture, 1300–1500.“ Religious Studies Review, vol. 11, no. 4, 1985.
Voltmer, Rita. „Charisma, Herrschaft und Territorium: Die Bischöfe von Bamberg und Würzburg während der Hexenverfolgung.“ Zeitschrift für Historische Forschung, 2008.

Guten Morgen,
Hexenverbrennungen etc.
aus verschiedenen Gründen sehe ich Konstanz, die Papststadt mit dem Klerus als „schlimmste Stadt“ der Welt an.
Hier wurden Jan Hus und Hieronymus von Prag getötet.
Hieronymus von Prag war ein böhmischer Gelehrter, Mitstreiter von Jan Hus und Mitbegründer der hussitischen Bewegung- Tod auf dem Scheiterhaufen.
Viele Grüße Gerry, Friedenskette-Bodensee
Lieber Gerry, wir ehren auf PolitischeVerfolgung.de nun auch Hieronymus von Prag (https://www.politischeverfolgung.de/reformation/hieronymus-von-prag/) und Jan Hus (https://www.politischeverfolgung.de/reformation/jan-hus/).
Vielen herzlichen Dank für die Anmerkung – wir werden den Artikel um Konstanz ergänzen.