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Vor 50 Jahren: Pfarrer Oskar Brüsewitz klagt den Kommunismus der DDR an – Die Selbstverbrennung von Zeitz

  • DDR
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Am Morgen des 18. August 1976 fuhr der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz mit seinem Wartburg vor die Michaeliskirche in der DDR-Kreisstadt Zeitz. Auf dem Dachgepäckträger installierte er ein unübersehbares Transparent mit der Aufschrift:

„Funkspruch an alle … Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“

Wenig später übergoss sich der 47-jährige Seelsorger aus Rippicha mit Benzin und zündete sich an. Vier Tage später, am 22. August 1976, erlag er im Bezirkskrankenhaus Halle-Dölau seinen schweren Brandverletzungen.

Die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz war kein isolierter Verzweiflungsakt eines Einzelnen, sondern ein Fanal — eine radikale Anklage gegen das repressive Bildungssystem der SED, den staatlichen Atheismus und den strukturellen Druck auf gläubige Bürger in der DDR.

Die Vorgeschichte: Ein unbequemer Seelsorger im Visier des MfS

Oskar Brüsewitz (geboren 1929 im Memelland) war gelernter Schuhmachermeister, bevor er über eine Spätberufung an der Predigerschule Erfurt Theologie studierte. Ab 1970 übernahm er das Pfarramt in Rippicha bei Zeitz.

Brüsewitz entsprach nicht den Vorstellungen des SED-Regimes von einer „angepassten“ Kirche im Sozialismus. Seine unkonventionelle, engagierte Jugendarbeit zog viele Jugendliche an — sehr zum Missfallen der FDJ und der lokalen Parteiorgane. Wenn staatliche Stellen Kreuze entfernen lassen wollten oder junge Christen in Schulen und bei der Studienplatzvergabe benachteiligt wurden, bezog Brüsewitz offen und kompromisslos Stellung.

Für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und die SED galt Brüsewitz rasch als „politisch-ideologischer Störenfried“. Über Jahre hinweg versuchten staatliche Stellen, die evangelische Kirchenleitung zu einer Versetzung oder Disziplinierung des Pfahrers zu drängen. Brüsewitz geriet in das Spannungsfeld zwischen staatlicher Repression und einer kirchlichen Obrigkeit, die um einen pragmatischen Ausgleich mit dem Regime bemüht war.

Die Mechanismen der Repression um den 18. August 1976

Die Reaktion der DDR-Führung auf das öffentliche Fanal zeigte die Angst des Regimes vor der politischen Wirkung der Tat:

  1. Vertuschung und Abriegelung: MfS-Einsatzkräfte rissen die Protest-Transparente am Tatort sofort an sich. Der isolierte Pfarrer wurde im Krankenhaus unter strengste Überwachung gestellt; selbst seiner Ehefrau und Familie wurde der Zutritt verweigert.
  2. Postume Rufmordkampagne: Um die politische Sprengkraft der Tat zu neutralisieren, initiierte das Regime eine gezielte Desinformationskampagne. Das SED-Zentralorgan Neues Deutschland stellte Brüsewitz in einem diffamierenden Artikel als „psychisch kranken“, „abnormalen“ Menschen dar.
  3. Flächendeckende MfS-Überwachung: Die Beisetzung von Oskar Brüsewitz am 26. August 1976 in Rippicha glich einem Staatsakt unter Belagerungszustand. Das MfS dokumentierte und fotografierte hunderte Trauergäste und westliche Journalisten akribisch, um potenzielle Sympathisanten und Oppositionelle zu erfassen.

Historische Einordnung und Bedeutung für die DDR-Opposition

Das Opfer von Oskar Brüsewitz erschütterte die Gesellschaft der DDR nachhaltig:

  • Solidarisierung der Jugend: Entgegen den Absichten der SED löste die Tat eine Welle der Solidarität unter christlichen und oppositionellen Jugendlichen aus. Das Gedenken an Brüsewitz wurde zu einem Kristallisationspunkt der unabhängigen Friedens- und Menschenrechtsbewegung in der DDR.
  • Protest der Intellektuellen: Auch DDR-Kulturschaffende und Schriftsteller protestierten öffentlich gegen die staatliche Verleumdung des verstorbenen Pfarrers — ein wichtiger Meilenstein für das Entstehen einer kritischen Öffentlichkeit vor den Ereignissen von 1989.
  • Herausforderung der Kirche: Die evangelische Kirche in der DDR musste ihre Haltung gegenüber dem Staat hinterfragen. Der Konflikt zwischen staatlicher Einbindungsstrategie („Kirche im Sozialismus“) und dem Schutz des Einzelnen vor Diktaturdruck wurde unübersehbar.

Somit verstärkte die Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz – ebenso wie die Ausbürgerung Wolf Biermanns im November 1976 – die Bereitschaft zu Kritik und Protest. 

Fazit: Warum das Gedenken an Brüsewitz bleibt

Auf PolitischeVerfolgung.de/DDR dokumentieren wir das Schicksal von Oskar Brüsewitz, weil sein Leben und Sterben die feingliedrigen Mechanismen staatlicher Benachteiligung und Zensur in der DDR offenlegen.

Brüsewitz verbrannte sich nicht aus Lebensüberdruss, sondern als Zeuge wider die staatlich verordnete Heuchelei und die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Glaubens und ihrer Überzeugung. Sein Fanal mahnt bis heute zur Zivilcourage und zeigt die Zerstörungskraft von Regimen, die Meinungs- und Gewissensfreiheit unterdrücken.

Bildquelle: Eine Reihe von Pfarrern im Talar nimmt an der Beerdigung von Pfarrer Brüsewitz teil, Quelle: BStU, MfS, BV Halle, Abt. XX, Nr. 3, Bl. 89-106

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