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„Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht: Krieg als Geschäft und Ruin der Menschlichkeit

Unter den großen Exildramen des 20. Jahrhunderts nimmt Bertolt Brechts Mutter Courage und ihre Kinder eine Schlüsselstellung ein. Verfasst im dänischen Exil zwischen September und Oktober 1939 – unmittelbar nach dem deutschen Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs – ist das Werk eine messerscharfe Abrechnung mit dem Krieg als kapitalistischem Massengeschäft. Brecht nutzt die Folie des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648), um den Betrachtern seiner Zeit den Spiegel vorzuhalten: Wer vom Krieg leben will, muss ihm eben auch etwas geben.

Diese ausführliche Rezension analysiert die Dramaturgie, die Figurenkonstellation sowie die politische Wirkungsabsicht von Brechts Meisterwerk des Epischen Theaters.

Inhalt und Handlungsstruktur

Das Drama folgt der Marketenderin Anna Fierling, genannt „Mutter Courage“, die mit ihrem Planwagen und ihren drei Kindern – Eilif, Schweizerkas und der stummen Kattrin – den Truppen des Dreißigjährigen Krieges quer durch Europa folgt. Sie lebt vom Verkauf von Waren an die Soldaten: Stiefel, Schnaps, Gürtel und Lebensmittel.

Im Verlaufe von 12 Jahren und 12 Szenen verliert die Mutter Courage schrittweise alle ihre drei Kinder an denselben Krieg, der ihr Brot liefert:

  • Eilif, der kühne Sohn, wird wegen einer Gewalttat in einer kurzen Friedensphase hingerichtet – dieselbe Tat, für die er im Krieg als Held ausgezeichnet wurde.
  • Schweizerkas, der ehrliche Sohn, wird erschossen, weil die Courage zu lange um das Lösegeld feilscht, um ihren Planwagen nicht zu verlieren.
  • Kattrin, die stumme und mitfühlende Tochter, opfert ihr Leben auf einem Scheunendach, indem sie mit einer Trommel die schlafende Stadt Halle vor einem Überraschungsangriff warnt.

Am Ende bleibt die Courage völlig allein zurück. Doch statt zur Einsicht zu gelangen, spannt sie sich selbst vor ihren zerfetzten Wagen und zieht dem nächsten Regiment hinterher.

Die Tragödie der Mütterlichkeit im Kriegskapitalismus

Brechts zentrale Leistung in der Figurenzeichnung der Anna Fierling liegt im bewussten Verzicht auf eine klassische Heldin oder eine Mütter-Märtyrerin. Die Courage ist Täterin und Opfer zugleich.

Der Widerspruch der Existenz

Die Courage versucht verzweifelt, zwei unvereinbare Ziele miteinander zu verbinden: Sie will ihre Kinder durch den Krieg bringen und gleichzeitig am Krieg verdienen. Brecht zeigt unerbittlich, dass der Krieg kein Schicksal ist, das über die Menschen hereinbricht, sondern von ökonomischen Interessen angetrieben wird. In dem Moment, in dem die Courage feilscht, um den Preis für das Leben ihres Sohnes Schweizerkas zu drücken, siegt der Kaufmannsgeist über das Muttergefühl. Als sie die Leiche ihres Sohnes gebracht bekommt, muss sie ihn verleugnen, um nicht selbst erschossen zu werden.

Das Ausbleiben der Läuterung

In der aristotelischen Dramentradition führt das Schicksal der Hauptfigur zu Selbsterkenntnis und Katharsis. Brecht bricht mit dieser Tradition radikal: Die Courage lernt nichts. Trotz des Verlusts all ihrer Kinder zieht sie am Ende weiter. Für Brecht war dies der entscheidende Punkt: Nicht die Figur auf der Bühne sollte lernen, sondern der Zuschauer im Theatersaal. Das Publikum soll das fehlerhafte Verhalten der Courage erkennen und begreifen, dass der Mensch im Kapitalismus und im Krieg nicht unverändert bleiben kann.

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Das Epische Theater: Stil und Verfremdung

Mutter Courage und ihre Kinder gilt als Paradebeispiel für Brechts Theorie des Epischen Theaters. Um zu verhindern, dass sich das Publikum rein gefühlsmäßig mit den Figuren identifiziert (Empatie-Falle), setzt Brecht gezielt Verfremdungseffekte (V-Effekte) ein:

  • Szenentitel und Inhaltsangaben: Vor jeder Szene wird dem Publikum auf einer Projektionsfläche oder durch Ausrufer mitgeteilt, wie die Szene ausgehen wird. Die Spannung beruht nicht darauf, was passiert, sondern wie und warum es passiert.
  • Songs und Musik: Die Songs (mit der berühmten Musik von Paul Dessau) unterbrechen die Handlung. Die Schauspieler treten aus ihren Rollen heraus und kommentieren das Geschehen gesellschaftskritisch. Das bekannte Lied der Mutter Courage offenbart direkt zu Beginn ihren zynischen Pragmatismus („Das Frühjahr kommt! Das Gras ist grün! / Die Wurst ist gut! Die Milch ist süß! / Der Krieg ist nix als wie ein Geschäft…“).
  • Historisierung: Durch die Verlegung der Handlung in den Dreißigjährigen Krieg wird der Betrachter distanziert. Er schaut nicht auf sein eigenes Elend, sondern auf ein historisches Beispiel – und zieht daraus Schlüsse für die Gegenwart des Nationalsozialismus.

Kattrin als echter Gegenentwurf

Während die Mutter Courage die moralische Bankrotterklärung des Überlebenskampfes verkörpert, stellt die stumme Tochter Kattrin die eigentliche Lichtgestalt des Stücks dar. Ihre Stummheit ist symbolisch: In einer Welt, in der die Sprache von Zynismus, Militärjargon und Geschäftssinn geprägt ist, bleibt das Mitgefühl stumm.

Ihre Rettungsaktion für die Stadt Halle in Szene 11 ist die dramatische Zuspitzung des Stücks. Kattrin trommelt auf dem Scheunendach, um die Bürger zu wecken, obwohl die Soldaten auf sie schießen. Sie stirbt, aber die Stadt ist gerettet. Im Gegensatz zu ihrer Mutter handelt Kattrin nicht aus Eigennutz, sondern aus reiner Menschlichkeit.

Historischer Kontext und politische Aktualität

Für die Plattform politischeverfolgung.de ist die Entstehungsgeschichte des Werks von zentraler Bedeutung:

  • Eingabe im Exil: Brecht schrieb Mutter Courage im dänischen Svendborg unter dem Eindruck der heraufziehenden Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Es war als direkte Warnung an die skandinavischen Länder gedacht, die glaubten, mit dem nationalsozialistischen Deutschland Geschäfte machen und neutral bleiben zu können.
  • Die Zürcher Uraufführung (1941): Da Brecht von den Nationalsozialisten ausgebürgert und seine Werke verbrannt worden waren, fand die Uraufführung am Schauspielhaus Zürich statt (Regie: Leopold Lindtberg, mit Therese Giehse als Courage).
  • Wirkungsgeschichte nach 1945: 1949 inszenierte Brecht das Stück zusammen mit Erich Engel am Berliner Ensemble mit Helene Weigel in der Hauptrolle. Diese Aufführung brannte sich in das kulturelle Gedächtnis ein und machte das Drama zu einem der meistgespielten Stücke weltweit.

Fazit

Mutter Courage und ihre Kinder ist kein Stück über das Erleiden des Krieges, sondern über die Mitschuld am Krieg. Brecht sezierte die Illusion, man könne am Unrecht mitverdienen, ohne selbst davon zerstört zu werden. Durch die Synthese von scharfer politischer Ökonomie, sprachlicher Brillanz und verfremdender Dramaturgie schuf Brecht ein Mahnmal, das im Zeitalter globaler Konflikte und Aufrüstung nichts von seiner beklemmenden Aktualität verloren hat.

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Bildquelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-T0927-019 / Katja Rehfeld / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

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