Die Ära der bedingungslosen Anonymität auf Telegram ist vorbei. Seit der Festnahme von Pawel Durow im August 2024 und den darauffolgenden AGB-Anpassungen kooperiert die Plattform in einem nie dagewesenen Ausmaß mit Behörden. Allein im ersten Quartal 2025 wurden in Deutschland bereits mehr IP-Adressen und Rufnummern an Ermittler übermittelt als im gesamten Vorjahr.
Für Journalisten, Aktivisten und politisch Exponierte ist es 2026 wichtig, die Standardeinstellungen zu verlassen. Diese Anleitung zeigt Ihnen, wie Sie Ihr Konto sicher machen.
1. Das Kernproblem: Cloud Chats vs. Geheime Chats
Der größte Irrtum vieler Nutzer ist der Glaube, Telegram sei automatisch Ende-zu-Ende-verschlüsselt (E2EE). Das ist falsch.
Cloud Chats (Standard) – Die Datenspur
Alle normalen Chats, Gruppen und Kanäle sind „Cloud Chats“.
- Sicherheit: Die Verschlüsselung findet nur zwischen Ihrem Gerät und dem Telegram-Server statt. Auf dem Server liegen die Daten theoretisch lesbar.
- Behördenzugriff: Bei kriminellem Verdacht kann Telegram durch richterlichen Beschluss gezwungen werden, diese Daten (Metadaten, IP-Adressen) herauszugeben.
Geheime Chats (Secret Chats) – Das digitale Safe
Nur Geheime Chats bieten echte E2EE.
- Sicherheit: Der Schlüssel liegt nur auf Ihrem Handy und dem des Empfängers. Telegram sieht nichts.
- Nachteil: Diese Chats werden nicht synchronisiert. Verlieren Sie Ihr Handy, ist der Chat weg.
2. Die 5 wichtigsten Einstellungen für 2026
Um Ihre digitale Spur auf politischeverfolgung.de-Niveau zu schützen, müssen Sie diese Menüpunkte unter Einstellungen > Privatsphäre und Sicherheit sofort anpassen:
A. Telefonnummer verbergen (Priorität: Hoch)
Ihre Telefonnummer ist die Primär-ID für Ermittlungsbehörden.
- Einstellung:
Telefonnummer->Wer kann meine Nummer sehen?-> Niemand. - Zusatz:
Wer kann mich unter meiner Nummer finden?-> Meine Kontakte. (Verhindert Massenabfragen durch Behörden-Datenbanken).
B. IP-Adresse durch P2P-Schutz sichern
Standardmäßig werden Sprachanrufe via Peer-to-Peer (P2P) verbunden. Dabei wird Ihre IP-Adresse direkt an den Gesprächspartner übermittelt – ein Einfallstor für Geolocation.
- Einstellung:
Anrufe->Peer-to-Peer-> Niemand (oder nur „Meine Kontakte“). Die Anrufe laufen dann über Telegram-Server, was Ihre IP verbirgt.
C. Zwei-Schritt-Verifizierung (2FA)
Ein absolutes Muss. Ohne dieses zusätzliche Passwort können Geheimdienste via „SIM-Swapping“ (Übernahme Ihrer SMS-Codes) Ihr Konto in Sekunden kapern.
- Einstellung:
Zwei-Schritt-Verifizierung-> Aktivieren Sie ein starkes, externes Passwort.
D. Profilbild & Weiterleitungen
Verhindern Sie, dass Fremde ein Dossier über Sie anlegen.
- Profilbilder: Nur für Meine Kontakte.
- Weiterleitungen:
Wer darf beim Weiterleiten meiner Nachrichten eine Verknüpfung zu meinem Konto hinzufügen?-> Niemand.
E. Automatisches Löschen von Nachrichten
Nutzen Sie die „Auto-Delete“-Funktion für alle neuen Chats.
- Einstellung:
Nachrichten automatisch löschen-> Wählen Sie einen Zeitraum (z.B. 1 Woche). Dies reduziert die Beweislast bei einer physischen Beschlagnahmung Ihres Geräts.
3. Profi-Hack: Proxy und VPN kombiniert
Telegram bietet integrierte Proxy-Einstellungen (SOCKS5), um Zensur zu umgehen. In Kombination mit einem seriösen VPN verschleiern Sie Ihren Standort doppelt.
- Vorteil: Selbst wenn Telegram Ihre IP-Adresse bei einer Anfrage herausgibt, sieht der Staat nur die Adresse des VPN-Servers, nicht Ihren echten Standort.
Fazit: Ist Telegram noch tragbar?
Für die schnelle Koordination in großen Gruppen bleibt Telegram 2026 ein wichtiges Werkzeug. Doch für sensible, strategische Kommunikation könnte der Wechsel zu Signal oder Threema angeraten sein. Allerdings haben wir noch nicht geprüft, ob Signal oder Threema auch 2026 sicher sind/bleiben. So rät Dissident Michael Ballweg gar zu einem Freiheitshandy mit anderem Betriebssystem.Wer Telegram nutzt und Sorge vor staatlichen Zugriffen hat, sollte jedenfalls mindestens die geheimen Chats zur Pflicht machen und seine Metadaten minimieren.
