Die Universität als Ort freier Gedanken, als Raum des offenen Diskurses, als Schutzraum für abweichende Perspektiven. So lautete einmal das Ideal. Heute wirkt dieses Ideal zunehmend wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Der Fall des Kommunikationswissenschaftlers Michael Meyen an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist kein isoliertes Ereignis, sondern fügt sich in ein Muster ein, das man nicht länger ignorieren kann.
Der Medien- und Coronamaßnahmen-Kritiker Michael Meyen
Michael Meyen, der sich insbesondere während der Corona-Zeit kritisch zur Medienlandschaft und zu staatlichen Maßnahmen äußerte, wurde vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Die offizielle Kommunikation bleibt vage, die Universität verweist auf Datenschutz. Ein vertrautes Muster: Je weniger erklärt wird, desto mehr soll als selbstverständlich hingenommen werden.
Studie über Entlassungen und Degradierungen von Professorinnen und Professoren im deutschsprachigen Raum
Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem. Denn wer genauer hinsieht, erkennt schnell, dass es längst nicht mehr um einzelne Personen oder individuelle Konflikte geht. Es geht um Strukturen. Um Mechanismen. Und um die Frage, ob wir es inzwischen mit einer Form politischer Verfolgung im akademischen Gewand zu tun haben.
Eine wissenschaftliche Studie von Heike Egner und Anke Uhlenwinkel liefert dazu bemerkenswerte Hinweise. Sie untersucht Fälle von Entlassungen und Degradierungen von Professorinnen und Professoren im deutschsprachigen Raum und kommt zu einem Ergebnis, das man kaum übersehen kann: In keinem der untersuchten Fälle lag wissenschaftliches Fehlverhalten oder ein strafrechtlich relevanter Tatbestand vor. Stattdessen dominierten unscharfe, persönlich gefärbte Vorwürfe wie „Führungsfehlverhalten“, „Atmosphäre der Angst“ oder „unangemessenes Verhalten“.
Arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen oder hochpolitischer Prozess?
Was auf den ersten Blick nach arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen klingt, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als hochpolitischer Prozess. Denn diese Art von Vorwürfen hat einen entscheidenden Vorteil: Sie sind kaum objektiv überprüfbar. Sie entziehen sich klaren Kriterien und lassen sich gleichzeitig medial hervorragend zuspitzen.
Die Studie zeigt zudem, dass zentrale rechtsstaatliche Prinzipien in vielen dieser Verfahren nicht eingehalten wurden. Transparenz, Unschuldsvermutung, das Recht auf Anhörung, all das, was in einem funktionierenden Rechtsstaat selbstverständlich sein sollte, wird innerhalb universitärer Strukturen offenbar systematisch ausgehöhlt. Verfahren finden statt, aber sie dienen nicht der Wahrheitsfindung. Sie dienen der Absicherung einer bereits getroffenen Entscheidung.
Subtile politische Verfolgung von Michael Meyen
Genau hier wird der Begriff der politischen Verfolgung relevant. Nicht im klassischen Sinne von offener Repression, sondern in einer subtileren, moderneren Form. Es braucht keine Verbote, keine offenen Berufsverbote, keine direkten Sanktionen durch den Staat. Es genügt ein institutionelles Umfeld, in dem bestimmte Positionen als unerwünscht markiert werden und in dem diejenigen, die sie vertreten, schrittweise delegitimiert werden.
Der Ablauf ist dabei erstaunlich konsistent. Zunächst steht eine abweichende Position, häufig in gesellschaftlich aufgeladenen Themenfeldern. Im Fall Michael Meyen war es die Kritik an der Corona-Politik und an der Rolle der Medien. Darauf folgt eine Phase der öffentlichen Einordnung: Begriffe wie „umstritten“, „problematisch“ oder „delegitimierend“ beginnen zu zirkulieren. Die Person wird nicht mehr über ihre Argumente definiert, sondern über Zuschreibungen.
Im nächsten Schritt setzen institutionelle Prozesse ein. Disziplinarverfahren, interne Prüfungen, Beschwerden, oft ausgelöst durch anonyme Vorwürfe. Die Betroffenen sehen sich mit Anschuldigungen konfrontiert, die sie kaum konkret greifen können. Gleichzeitig wird ihnen die Möglichkeit zur vollständigen Verteidigung erschwert, etwa durch eingeschränkte Akteneinsicht oder fehlende Konfrontation mit den Beschwerdeführern.
Am Ende steht selten eine klare Verurteilung im klassischen Sinne. Stattdessen erfolgt eine „Lösung“: Versetzung, Nichtverlängerung, vorzeitiger Ruhestand. Formal korrekt, juristisch abgesichert und dennoch mit weitreichenden Konsequenzen. Der wissenschaftliche Ruf ist beschädigt, die Karriere faktisch beendet.
Was diesen Prozess so wirkungsvoll macht, ist seine Unsichtbarkeit. Es gibt keinen offensichtlichen Bruch mit rechtsstaatlichen Prinzipien, sondern eine schleichende Verschiebung ihrer Anwendung. Die Grenze zwischen legitimer institutioneller Entscheidung und politisch motivierter Ausgrenzung wird dabei zunehmend unscharf.
Verengung des Sagbaren an Universitäten
Der Fall Michael Meyen ist deshalb nicht nur ein persönliches Schicksal, sondern ein Symptom. Er zeigt, wie sich der Raum des Sagbaren an Universitäten verengt, nicht durch offene Zensur, sondern durch soziale, mediale und institutionelle Mechanismen. Wer bestimmte Positionen vertritt, riskiert nicht nur Widerspruch, sondern seine berufliche Existenz.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob man Meyens Positionen teilt. Die entscheidende Frage lautet, ob eine Universität noch ein Ort sein kann, an dem solche Positionen überhaupt geäußert werden dürfen, ohne existenzielle Konsequenzen befürchten zu müssen.
Fazit: Wissenschaftsfreiheit steht auf dem Spiel
Wenn Wissenschaftsfreiheit bedeutet, dass Forschung und Lehre unabhängig von politischer Opportunität stattfinden können, dann steht diese Freiheit auf dem Spiel. Nicht durch spektakuläre Eingriffe, sondern durch ein System, das Abweichung sanktioniert, ohne dies offen aussprechen zu müssen.
Politische Verfolgung im 21. Jahrhundert trägt keinen Stempel mehr. Sie kommt als Verfahren, als Narrativ, als scheinbar sachliche Entscheidung. Und gerade deshalb ist sie so schwer zu erkennen und so leicht zu verdrängen.
Oder anders gesagt: Verbote sind überflüssig geworden. Man entzieht Sichtbarkeit, diskreditiert Personen, startet Verfahren und nennt das Ordnung.
Am Ende verschwindet nicht die Meinung, sondern der Mensch dahinter.
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Studie über Entlassung und öffentliche Degradierung von Professorinnen
