Zum Inhalt springen

Brüsseler Doppelmoral: Scharfe Kritik an US-Sanktionen während eigene Bürger zensiert und sanktioniert werden

    Während das EU-Parlament lautstark US-Sanktionen gegen EU-Bürokraten beklagt, schweigt es beharrlich zur systematischen Zensur und Verfolgung regierungskritischer Stimmen im eigenen Rechtsraum.

    Am 25. Februar 2026 befasste sich der Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz (IMCO)
    des Europäischen Parlaments mit einem Vorgang, der weit über technische Plattformregulierung
    hinausgeht. Unter der internen Referenz IMCO/10/05183 fand ein „Exchange of views“ statt mit dem
    programmatischen Titel:

    „When U.S. sanctions target EU citizens: Defending the DSA and Europe’s Digital Sovereignty“.
    Was nüchtern klingt, markiert einen politischen Konflikt mit Sprengkraft: Die Vereinigten Staaten
    verhängen Visa- beziehungsweise Reisesanktionen gegen europäische Akteure im Zusammenhang
    mit dem Digital Services Act (DSA) und das Europäische Parlament reagiert mit einer demonstrativen
    Verteidigung seiner Regulierung.

    Die Frage, die sich stellt, lautet jedoch: Geht es hier um legitime Gesetzgebung oder um die
    institutionelle Absicherung eines immer enger werdenden Meinungskorridors?

    Der formelle Rahmen

    Die Sitzung fand im Rahmen einer ordentlichen IMCO-Sitzung statt.

    • Ausschuss: Committee on the Internal Market and Consumer Protection (IMCO)
    • Format: Exchange of views
    • Interne Referenz: IMCO/10/05183
    • Datum: 25. Februar 2026

    Agenda, Ausschuss-Highlights, Newsletter und Multimedia-Archiv dokumentieren eindeutig: Dieser
    Tagesordnungspunkt wurde offiziell angesetzt und durchgeführt. Die Sitzung ist als Aufzeichnung
    verfügbar. Die formelle Aktenlage ist klar.

    Wer sprach und wer nicht?

    In den offiziellen Dokumenten werden folgende Personen genannt:

    • Thierry Breton (ehemaliger EU-Kommissar)
    • Anna-Lena von Hodenberg (HateAid)
    • Josephine Ballon (HateAid)
    • Clare Melford (Global Disinformation Index)

    Die Rahmung ist ebenso eindeutig: Verteidigung des Digital Services Act, Betonung europäischer
    digitaler Souveränität, Zurückweisung des Vorwurfs, es handle sich um „Zensur“.

    Auffällig ist jedoch, was nicht geschieht. Die Anhörung versammelt Akteure, die Sanktionen
    kritisieren, nicht aber Stimmen, die selbst von europäischen Maßnahmen im Kontext von
    „Desinformation“ betroffen sind. Die Perspektive bleibt institutionell geschlossen.

    Der Kern des Konflikts

    Der Digital Services Act gilt in Brüssel als Meilenstein digitaler Regulierung. Er verpflichtet große
    Plattformen zu Risikoanalysen, Transparenzmechanismen und strukturierten Meldeverfahren.
    Offiziell geht es um Rechenschaftspflicht und Grundrechtsschutz.

    Kritiker hingegen sehen in der praktischen Umsetzung ein System, das über algorithmische
    Priorisierung, Meldestellen und regulatorischen Druck faktisch Einfluss auf die Sichtbarkeit von
    Meinungen nimmt.

    Wenn nun ein Drittstaat, hier die USA, mit Sanktionen reagiert, entsteht eine paradoxe Situation:
    Während Brüssel den DSA als Schutz der Meinungsfreiheit verteidigt, betrachtet Washington Teile
    der Regulierung als Eingriff in eben diese Freiheit.

    Das Europäische Parlament stellte sich in der Anhörung klar hinter das eigene Regelwerk.
    Drittstaatliche Sanktionen gegen europäische Akteure wurden als problematischer Eingriff in den
    europäischen Rechtsraum gewertet.

    Digitale Souveränität: ein neues Machtwort

    „Digitale Souveränität“ ist längst mehr als ein Schlagwort. Es ist zur politischen Leitidee geworden.
    Dahinter steht der Anspruch, europäische Regeln gegenüber globalen Plattformen und ausländischen
    Regierungen durchzusetzen.

    Doch jede Souveränität trägt eine Kehrseite: Wer Regeln setzt, definiert auch Grenzen. Wer Inhalte
    reguliert, beeinflusst Sichtbarkeit. Und wer Regulierung verteidigt, verteidigt zwangsläufig auch ihre
    Folgen.

    Die IMCO-Anhörung vom 25. Februar 2026 war daher nicht nur eine Reaktion auf Visa-Sanktionen.
    Sie war ein politisches Signal: Europa lässt sich seine Digitalordnung nicht von außen in Frage stellen.

    Ein größerer Zusammenhang

    Für deutsche Leser ist diese Entwicklung besonders relevant. Auch in Deutschland wird der Kampf
    gegen „Desinformation“ zunehmend institutionell organisiert, durch Meldestellen, Netzwerke,
    Plattformauflagen und regulatorische Verdichtung.

    Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob US-Sanktionen angemessen sind. Die eigentliche
    Frage lautet: Wie weit darf Regulierung gehen, bevor sie selbst zum Gegenstand geopolitischer
    Machtkonflikte wird?

    Die Anhörung ist dokumentiert. Die Position des Parlaments ist klar. Die Verteidigung des DSA steht.
    Was bleibt, ist keine technische Detailfrage, sondern ein machtpolitischer Kernkonflikt: Wie viel
    Regulierung ist noch Schutz und ab wann wird sie zum Instrument der Disziplinierung? Wer definiert
    die Grenze? Parlamente? Behörden? Plattformen? Oder ein Zusammenspiel aus allen dreien, das sich
    demokratischer Kontrolle zunehmend entzieht?

    Solange diese Fragen nicht offen verhandelt werden, bleibt der Verweis auf „digitale Souveränität“
    ein machtvolles Schlagwort, aber keine Antwort auf die wachsende Sorge, dass unter dem Banner
    des Schutzes ein System entsteht, das Sichtbarkeit steuert und Debattenräume zunehmend verengt.

    Eine Leerstelle in der Debatte

    Was in der Anhörung ebenfalls auffiel: Über eigene europäische Maßnahmen gegen missliebige
    Stimmen wurde nicht gesprochen.

    Während man in Brüssel mit deutlicher Empörung auf USVisaSanktionen reagiert, blieb unerwähnt,
    dass auch innerhalb Europas seit Jahren mit Listungen, Kontensperrungen, Plattformausschlüssen
    und regulatorischem Druck gearbeitet wird, stets im Namen des Kampfes gegen „Desinformation“.

    Betroffene:

    Gerade hier entsteht ein Spannungsfeld: Wenn das Europäische Parlament Drittstaaten dafür
    kritisiert, europäische Bürger mit restriktiven Maßnahmen zu belegen, stellt sich zwangsläufig die
    Frage, nach welchem Maßstab im eigenen Rechtsraum verfahren wird.

    Wer entscheidet, welche Meinung als legitime Kritik gilt und welche als „sicherheitsrelevante
    Einflussnahme“ etikettiert wird? Wer definiert, wann Regulierung Schutz ist und wann sie zur
    politischen Markierung wird, mit ganz realen Folgen für Bewegungsfreiheit, Reputation und
    wirtschaftliche Existenz?

    Wenn ein europäischer Autor und geopolitischer Analyst wie Jacques Baud ausgerechnet in Belgien
    festsitzt, während man in Brüssel gleichzeitig mit großer Geste über USSanktionen gegen EUBürger
    debattiert, entsteht ein irritierendes Bild.

    Empörung nach außen. Schweigen nach innen.

    Diese Fragen wurden in der IMCOAnhörung nicht gestellt. Sie wurden nicht problematisiert. Und sie
    wurden erst recht nicht beantwortet.

    Die eigentliche Brisanz liegt daher weniger im diplomatischen Schlagabtausch mit Washington,
    sondern in der Weigerung, denselben Maßstab konsequent auf das eigene Handeln anzuwenden.


    Quellen

    Thierry Breton discussed US sanctions at IMCO meeting

    Draft agenda – IMCO_OJ(2026)02-25_1

    Multimedia Centre des European Parliament

    Diesen Beitrag gegen politische Verfolgung teilen:

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert