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Das Ausbluten der Wissenschaft: Die Vertreibung von Forschern im Nationalsozialismus und der irreparable „Brain Drain“

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    Bis zum Jahr 1933 galt das Deutsche Kaiserreich und die anschließende Weimarer Republik als das unbestrittene Epizentrum der globalen Wissenschaft. Deutsch war die unangefochtene Weltsprache der Naturwissenschaften; wer in der Physik, der Chemie oder der Mathematik Rang und Namen haben wollte, musste in Berlin, Göttingen, München oder Frankfurt publizieren und lehren. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde diese jahrzehntelang gewachsene intellektuelle Vormachtstellung innerhalb weniger Monate zertrümmert. Durch eine ideologisch motivierte Säuberungswelle, die sowohl rassistische als auch politische Kriterien anwandte, vertrieb das NS-Regime die klügsten Köpfe des Landes. Dieser historische Beitrag beleuchtet die bürokratischen Mechanismen, die tragischen Einzelschicksale und die tektonischen Verschiebungen der globalen Forschungslandschaft, die dieser „Brain Drain“ (die massive Abwanderung von Spitzenkräften) nach sich zog.

    Die Bürokratie des Hasses: Das „Berufsbeamtengesetz“ als Hebel

    Die Nationalsozialisten überließen die „Säuberung“ der Universitäten nicht dem Zufall oder rein willkürlichen Einzelaktionen, sondern gossen das Unrecht in eine pseudolegale Form. Bereits am 7. April 1933 – kaum mehr als zwei Monate nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler – erließ die Regierung das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (BBG). Da Universitätsprofessoren in Deutschland Beamte waren, traf sie dieses Gesetz mit voller Härte.

    Das Gesetz enthielt zwei zentrale Paragraphen, die wie administrative Guillotinen wirkten:

    • Der „Arierparagraph“ (§ 3): Dieser bestimmte, dass Beamte „nicht-arischer Abstammung“ zwingend in den Ruhestand zu versetzen waren. Als „nicht-arisch“ galt im Regelfall jeder, der auch nur einen jüdischen Großelternteil hatte. Eine temporäre Ausnahme, das sogenannte „Frontkämpferprivileg“, schützte bis zum Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg im Jahr 1934 diejenigen, die im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft hatten. Danach fiel auch diese Barriere.
    • Der Paragraph der politischen Unzuverlässigkeit (§ 4): Er erlaubte die fristlose Entlassung von Beamten, die „aufgrund ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, dass sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten“. Dies traf Sozialdemokraten, Kommunisten, Liberale, Pazifisten und schlicht kritische Geister.

    Die Auswirkungen waren verheerend. Bis zum Ende des Jahres 1938 wurden fast 20 Prozent des gesamten Lehrpersonals an den deutschen Hochschulen aus dem Dienst entfernt. An traditionsreichen Spitzenuniversitäten lag die Quote der Entlassungen und erzwungenen Rücktritte sogar weit höher: Die Universität Frankfurt am Main verlor fast ein Drittel ihrer Dozenten, die Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität rund ein Viertel.

    Das Epizentrum des Kahlschlags: Das Beispiel Göttingen

    Nirgendwo wird das Ausmaß der Selbstzerstörung der deutschen Wissenschaft so deutlich wie an der Universität Göttingen. Die Stadt in Niedersachsen war in den 1920er Jahren das unbestrittene Welt-Mekka der Mathematik und der theoretischen Physik. Hier wurde die Quantenmechanik maßgeblich mitbegründet.

    Innerhalb weniger Wochen verlor Göttingen seine internationale Ausstrahlung. Zu den vertriebenen Koryphäen gehörte unter anderem Max Born, der Direktor des Instituts für Theoretische Physik. Born, ein Pionier der Quantenphysik und späterer Nobelpreisträger, wurde aufgrund seiner jüdischen Herkunft suspendiert und floh über die Schweiz nach Großbritannien. Mit ihm gingen Genies wie James Franck (Nobelpreis für Physik 1925), der aus Protest gegen den Antisemitismus der Regierung freiwillig zurücktrat, sowie der Mathematiker Richard Courant.

    Die mathematische Fakultät wurde so gründlich zerstört, dass eine historische Anekdote die Tragweite perfekt auf den Punkt bringt: Der weltberühmte Mathematiker David Hilbert, der selbst nicht jüdisch war, aber dessen Lebenswerk in Göttingen nun in Trümmern lag, saß einige Zeit nach den Säuberungen bei einem Bankett neben dem neu ernannten NS-Erziehungsminister Bernhard Rust. Rust fragte den alten Professor: „Und, Herr Geheimrat, wie läuft es denn jetzt an Ihrem Institut, nachdem es von den Juden befreit ist?“ Hilbert antwortete mit bitterer Offenheit:

    „Das mathematische Institut? Das gibt es doch gar nicht mehr.“

    Einzelschicksale zwischen Weltruhm und Tragik

    Hinter den nackten Zahlen der Vertriebenen verbergen sich menschliche und wissenschaftliche Tragödien. Das Regime machte vor keinem Verdienst und keinem Alter halt.

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    Albert Einstein: Das globale Feindbild

    Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, befand sich Albert Einstein auf einer Forschungsreise in den USA. Als Jude, überzeugter Demokrat und weltbekannter Pazifist war er das primäre Hassobjekt der NS-Propaganda. Seine Relativitätstheorie wurde von regimetreuen Physikern wie den Nobelpreisträgern Philipp Lenard und Johannes Stark als „jüdische Physik“ und „abstruse Spekulation“ verunglimpft – ihnen gegenüber stand die ideologisch konstruierte „Deutsche Physik“. Einsteins Sommerhaus in Caputh wurde geplündert, seine Schriften wurden bei den Bücherverbrennungen im Mai 1933 den Flammen übergeben. Einstein kehrte nie wieder nach Deutschland zurück, legte seine Staatsbürgerschaft ab und fand im Institute for Advanced Study in Princeton eine neue Heimat.

    Fritz Haber: Der tragische Patriot

    Ein besonders dramatisches Schicksal erlitt der Chemiker Fritz Haber. Er war ein glühender deutscher Nationalist, hatte im Ersten Weltkrieg das deutsche Programm für chemische Waffen (Giftgas) geleitet und 1918 den Nobelpreis für Chemie erhalten (für die Ammoniaksynthese, die die Düngemittelproduktion und damit die Ernährung von Milliarden Menschen revolutionierte). Haber war zum Christentum konvertiert, galt den Nationalsozialisten wegen seiner Herkunft jedoch weiterhin als Jude. Zwar griff bei ihm zunächst das Frontkämpferprivileg, doch als man ihn zwang, seine jüdischen Mitarbeiter zu entlassen, weigerte er sich und reichte im April 1933 seinen Abschied als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie ein. Tief gebrochen und gesundheitlich angeschlagen verließ er das Land, das er so geliebt hatte, und starb im Januar 1934 im Schweizer Exil.

    Lise Meitner: Flucht in der letzten Sekunde

    Die Physikerin Lise Meitner, Mitentdeckerin der Kernspaltung, konnte sich aufgrund ihrer österreichischen Staatsbürgerschaft zunächst bis 1938 in Berlin halten, obwohl sie jüdischer Herkunft war. Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 wurde sie jedoch über Nacht reichsdeutsche Staatsbürgerin und war unmittelbar von den Rassegesetzen bedroht.

    Im Sommer 1938 gelang ihr mit Hilfe ausländischer Kollegen in einer dramatischen, illegalen Nacht-und-Nebel-Aktion die Flucht über die grüne Grenze nach Holland und weiter nach Schweden. Von Stockholm aus lieferte sie per Briefwechsel mit ihrem Berliner Kollegen Otto Hahn die entscheidende physikalisch-theoretische Erklärung für die kurz darauf gelungene erste Kernspaltung. Den Nobelpreis für diese Entdeckung erhielt Hahn später allein – ein Umstand, der bis heute in der Wissenschaftsgeschichte kontrovers diskutiert wird.

    Das Ausmaß des intellektuellen Verlusts

    Die quantitative Dimension des Verlusts lässt sich anhand der Nobelpreise der damaligen Zeit ablesen. In den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts dominierte Deutschland diese Auszeichnungen. Die Vertreibung schnitt diese Kontinuität radikal ab.

    DisziplinBedeutende vertriebene Wissenschaftler (Auswahl)Neues primäres Exilland
    PhysikAlbert Einstein, Max Born, Erwin Schrödinger, Leo Szilard, Edward Teller, Otto Stern, Felix BlochUSA, Großbritannien, Schweiz
    ChemieFritz Haber, Max Bergmann, Carl Neuberg, Richard WillstätterUSA, Großbritannien, Palästina
    MathematikEmmy Noether, Richard Courant, Hermann Weyl, John von NeumannUSA, Großbritannien
    Medizin / PsychologieSigmund Freud, Otto Meyerhof, Hans Krebs, Ernst Boris ChainGroßbritannien, USA

    Geopolitische tektonische Verschiebungen: Der Aufstieg der USA

    Der erzwungene Exodus der europäischen Intelligenz bewirkte eine dauerhafte Verschiebung der wissenschaftlichen und geopolitischen Machtverhältnisse auf dem Globus.

    1. Die Transformation der USA zur Supermacht der Wissenschaft: Vor 1933 reisten junge amerikanische Nachwuchsforscher nach Europa, um den Feinschliff zu erhalten. Durch die Aufnahme von Hunderten Spitzenwissenschaftlern importierten die USA ein intellektuelles Kapital von unschätzbarem Wert. Universitäten wie Princeton, Harvard, Berkeley oder das MIT stiegen zu den neuen Weltklasse-Zentren auf.
    2. Der Wechsel der Wissenschaftssprache: Mit der Vertreibung der Forscher verlor das Deutsche seine Rolle als führende internationale Publikationssprache. Das Englische setzte sich als unumstößlicher globaler Standard durch.
    3. Das Manhattan-Projekt und das nukleare Zeitalter: Viele der aus Deutschland und dem besetzten Europa geflohenen Physiker – darunter Leo Szilard, Edward Teller und der Italiener Enrico Fermi – waren von der tiefen Angst getrieben, dass das NS-Regime eine Atombombe entwickeln könnte. Sie überzeugten Albert Einstein, den historischen Brief an US-Präsident Roosevelt zu unterzeichnen, der den Anstoß für das geheime Rüstungsprojekt zur Entwicklung der amerikanischen Nuklearwaffe gab. Ironischerweise waren es somit maßgeblich die vom NS-Staat vertriebenen und verachteten jüdischen Wissenschaftler, die den USA den technologischen Vorsprung sicherten, der das Ende des Zweiten Weltkriegs besiegelte.

    Fazit: Ein bis heute spürbares Erbe

    Die Vertreibung der Wissenschaftler im Nationalsozialismus war kein vorübergehender Einschnitt, sondern eine dauerhafte Amputation der deutschen Geistes- und Forschungslandschaft. Die Zerstörung von Schulen, Denkweisen und interdisziplinären Netzwerken, die über Generationen hinweg gewachsen waren, ließ sich nach 1945 nicht einfach durch Reparationszahlungen oder Neuberufungen rückgängig machen.

    Viele der überlebenden Emigranten weigerten sich nach dem Krieg verständlicherweise, in das Land der Täter zurückzukehren. Die deutsche Wissenschaft verlor ihre Unschuld und ihre Spitzenstellung gleichermaßen. Das historische Mahnmal dieses beispiellosen Kultur- und Wissensbruchs zeigt bis heute, wie ideologischer Fanatismus und staatliche Repression innerhalb kürzester Zeit das kostbarste Gut einer Gesellschaft vernichten können: ihre freie, kreative und kritische Intelligenz.


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