Der 2. Juni 1967 markiert eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Was als Staatsbesuch des iranischen Schahs Mohammad Reza Pahlavi begann, endete in einer Eskalation der Gewalt, die das Vertrauen einer ganzen Generation in den Staat erschütterte. Im Zentrum des Geschehens standen die sogenannten „Jubelperser“ – eine Gruppe, deren Einsatz die Grenzen zwischen diplomatischem Protokoll und staatlich geduldeter Repression verwischte.
Die Inszenierung: Wer waren die Jubelperser?
Der Begriff „Jubelperser“ ging als Synonym für bestellte und gewaltbereite Claqueure in den deutschen Sprachgebrauch ein. Es handelte sich dabei um Anhänger des Schahs, die teilweise direkt aus dem Iran eingeflogen oder aus den Reihen des iranischen Geheimdienstes SAVAK in Europa rekrutiert worden waren.
Ihre offizielle Aufgabe bestand darin, den Monarchen bei seinem Besuch in West-Berlin frenetisch zu feiern und so ein Bild der Einheit und Beliebtheit zu suggerieren. Doch hinter der Fassade des freudigen Empfangs verbarg sich eine paramilitärische Struktur. Ausgestattet mit Holzlatten (versteckt unter Transparenten) und Stahlrohren, sollten sie vor allem eines: Kritik im Keim ersticken.
Der 2. Juni 1967: Eskalation vor der Deutschen Oper
Während der Schah und die Bundesführung in der Deutschen Oper Berlin die Aufführung der „Zauberflöte“ besuchten, kam es draußen zur Katastrophe. Friedliche Demonstranten, die gegen die Menschenrechtsverletzungen und das diktatorische Regime im Iran protestierten, wurden von den „Jubelpersern“ brutal angegriffen.
Das Besondere und zugleich Schockierende an diesem Vorfall war das Verhalten der Berliner Polizei. Während die Schah-Anhänger mit Knüppeln auf die Studenten einschlugen, griffen die Beamten nicht etwa ein, um die Demonstranten zu schützen. Stattdessen schirmten sie die Angreifer ab und begannen ihrerseits eine „Leberwurst-Taktik“, bei der die Demonstrationsmenge gewaltsam auseinandergetrieben wurde.
Die politische Dimension: Staatsräson vs. Bürgerrechte
Die Ereignisse um die Jubelperser legten die Prioritäten der damaligen Bundesregierung offen. Der Iran war ein wichtiger Wirtschaftspartner und ein strategischer Verbündeter im Kalten Krieg. Der Schutz des diplomatischen Prestiges wog in den Augen der Verantwortlichen schwerer als das Versammlungsrecht der eigenen Bürger.
Dass ausländische Geheimdienstmitarbeiter auf deutschem Boden ungestraft Gewalt gegen deutsche Staatsbürger ausüben konnten, empfanden viele Zeitgenossen als Offenbarungseid des Rechtsstaates. Die mangelnde juristische Aufarbeitung und die Rückendeckung durch Presseorgane wie die Axel-Springer-Zeitungen befeuerten die Wut der Studentenbewegung massiv.
Langzeitfolgen: Die Radikalisierung der 68er
Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der am Rande dieser Demonstrationen von dem Polizisten (und, wie man heute weiß, Stasi-Spion) Karl-Heinz Kurras erschossen wurde, war die tragische Spitze des Eisbergs. Doch die „Jubelperser“ waren der Katalysator:
- Vertrauensverlust: Die junge Generation sah im Staat nicht mehr den Beschützer der Demokratie, sondern ein repressives System, das „Faschisten“ (wie den Schah) hofierte.
- Theoriebildung: Der Vorfall diente als empirischer Beweis für die Theorie vom „autoritären Staat“, was zur weiteren theoretischen Radikalisierung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) führte.
- Gewaltspirale: Für einen Teil der Bewegung, aus der später die RAF hervorging, war die Gewalt der Jubelperser und der Polizei die Rechtfertigung für den Übergang zum bewaffneten Kampf.
Mediale Aufarbeitung und historisches Erbe
In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden die „Jubelperser“ zum festen Begriff für jede Form von bezahlter oder erzwungener Zustimmung bei politischen Anlässen. Historisch betrachtet stehen sie für das Ende der „bleiernen Zeit“ der Adenauer-Ära und den Beginn einer Phase, in der die deutsche Gesellschaft begann, ihre demokratischen Werte offensiv gegen staatliche Willkür zu verteidigen.
Interessanterweise zeigt die Analyse der Akten heute, dass die Kooperation zwischen dem SAVAK und westdeutschen Behörden enger war, als man damals offiziell zugab. Die „Jubelperser“ waren kein spontanes Phänomen, sondern eine geplante Operation zur Imagepflege eines Diktators – mit stillschweigender Duldung der Bonner Republik.
Fazit: Ein Mahnmal der Demokratie
Die „Jubelperser“ von 1967 lehren uns bis heute, wie verletzlich demokratische Protestkulturen sind, wenn wirtschaftliche und geopolitische Interessen über die Grundrechte gestellt werden. Sie markieren den Moment, in dem die „Bonner Republik“ ihre Unschuld verlor und sich die tiefe Kluft zwischen der Generation der Eltern und der Kinder in offener Gewalt entlud. Wer die Geschichte der Bundesrepublik verstehen will, kommt an diesem dunklen Kapitel nicht vorbei.
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