Berlin war schon immer ein Schauplatz iranischen Schicksals. Ob als Zentrum für Exil-Intellektuelle im Kaiserreich, als Partner im „Great Game“ der Weltmächte oder als Tatort für Staatsterrorismus im 20. Jahrhundert. Wir dokumentieren die unheilvolle Allianz und die Kontinuität der Verfolgung über vier Epochen hinweg.
Allianzen der Repression und Verfolgung zwischen Iran und Deutschland
Das Kaiserreich: Deutschland als dritter Partner (1871–1918)
Die Geschichte beginnt mit der Hoffnung Persiens (wie der Iran damals hieß), in Deutschland einen uneigennützigen Partner gegen den kolonialen Druck Russlands und Großbritanniens zu finden.
- Der ehrliche Makler: 1873 besuchte Nasir ad-Din Schah Berlin. Das Kaiserreich lieferte Militärberater und Ingenieure. Deutschland wurde als Schutzmacht gegen den britisch-russischen Imperialismus wahrgenommen.
- Geheimoperationen im Ersten Weltkrieg: Deutsche Agenten wie Wilhelm Wassmuss („der deutsche Lawrence“) unterstützten persische Stämme im Kampf gegen britische Besatzer. Berlin wurde gleichzeitig zum sicheren Hafen für persische Nationalisten, die hier die einflussreiche Zeitschrift Kaveh herausgaben – der Beginn einer langen Tradition des iranischen Exils in Deutschland.
Das Dritte Reich: Ideologie und der persische Korridor (1933–1941)
Unter Reza Schah Pahlavi intensivierten sich die Beziehungen massiv. Deutschland wurde zum wichtigsten Handelspartner, doch die Annäherung hatte einen hohen Preis.
- Das „Arier“-Narrativ: Die NS-Propaganda instrumentalisierte die sprachliche Verwandtschaft. 1935 erfolgte auf Drängen der Gesandtschaft in Berlin die Umbenennung in „Iran“ (Land der Arier).
- Die Katastrophe von 1941: Die engen Bindungen dienten den Alliierten als Vorwand für die anglo-sowjetische Invasion. Der Schah wurde abgesetzt, der Iran besetzt. Diese Erfahrung des Souveränitätsverlusts prägte die iranische Paranoia gegenüber ausländischer Einmischung bis heute.
Die Bonner Republik: Die Ära der Jubelperser (1967)
Nach dem Krieg wurde die Bundesrepublik zum wichtigsten westlichen Partner des Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Doch die Freundschaft basierte auf der Unterdrückung von Oppositionellen.
- Export der Gewalt: Beim Staatsbesuch 1967 prügelten Agenten des iranischen Geheimdienstes SAVAK als „Jubelperser“ getarnt auf Demonstranten ein.
- Der Sündenfall des Rechtsstaats: Die deutsche Polizei schützte die Schläger, nicht die Bürger. Der Mord an Benno Ohnesorg wurde zum Fanal für eine ganze Generation. Hier lernte das iranische Regime: Deutsche Interessen (Öl und Wirtschaft) wiegen schwerer als der Schutz von Dissidenten.
Von Mykonos bis zur Cyber-Repression (1992–2026)
Nach der Revolution 1979 änderte sich die Ideologie, aber die Jagd auf Oppositionelle in Deutschland wurde professionalisiert.
- Staatsterrorismus: 1992 ermordeten iranische Agenten im Berliner Restaurant Mykonos kurdische Exilpolitiker. Das Urteil von 1997 bewies erstmals die direkte Mord-Anordnung durch die Teheraner Staatsspitze.
- Die digitale Matrix 2026: Heute nutzt der Iran transnationale Repression. Durch die Infiltration von Smartphones und die Erpressung von Familienmitgliedern im Iran (Sippenhaft) werden Aktivisten in Berlin, Hamburg oder Köln mundtot gemacht. Die Entdeckung der „Berliner Liste“ (600 markierte Kritiker) belegt die lückenlose Überwachung.
Historische Vergleichsanalyse der Repression
| Epoche | Deutscher Status | Iranisches Regime | Form der Verfolgung in DE |
| Kaiserreich | Schutzmacht | Qajaren (Monarchie) | Spionage im „Great Game“ |
| NS-Staat | „Arier“-Bruder | Pahlavi I (Monarchie) | Ideologische Gleichschaltung |
| Bonner Rep. | Wirtschaftspartner | Pahlavi II (Monarchie) | Physische Gewalt („Jubelperser“) |
| Heute (2026) | „Kritischer Partner“ | Mullahs (Theokratie) | Cyber-Terror & Sippenhaft |
Warum Deutschland ein unsicherer Hafen bleibt
Kritiker werfen der deutschen Politik seit Jahrzehnten Inkonsequenz vor. Ob es der kritische Dialog der 90er Jahre war oder die heutigen diplomatischen Rücksichtnahmen: Die Furcht vor dem Abbruch der Beziehungen führt oft dazu, dass der Schutzraum für iranische Dissidenten lückenhaft bleibt. Während der deutsche Staat gegen interne Kritiker teils drakonisch vorgeht, wirken die Maßnahmen gegen ausländische Agenten oft zögerlich.
Fazit: Das Versagen des Schutzversprechens
Die gemeinsame Geschichte zeigt: Deutschland war für Iraner oft ein Ort der Hoffnung, wurde aber immer wieder zum Ort des Verrats. Ob aus imperialen Träumen, Öl-Interessen oder diplomatischer Vorsicht – der deutsche Staat hat den Schutzraum für iranische Dissidenten regelmäßig den bilateralen Beziehungen geopfert. Wir fordern ein Ende dieser Kontinuität: Der Schutz vor transnationaler Repression muss unantastbar sein.
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Der lange Arm Teherans: Transnationale Repression durch den Iran in Deutschland
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Quellen
Kaiserreich & Erster Weltkrieg
- Vogel, Renate: Die Persienpolitik im Kaiserrreich. Eine Standardquelle zur deutschen Ambivalenz zwischen Modernisierungshilfe und imperialer Strategie.
- Gehrke, Ulrich: Persien in der deutschen Orientpolitik während des Ersten Weltkrieges. Dokumentiert die Missionen von Niedermayer und Hentig sowie die Instrumentalisierung des Panislamismus.
- Zeitschrift „Kaveh“ (Berlin, 1916–1922): Primärquelle für den iranischen Nationalismus, der im Berliner Exil entstand.
NS-Zeit & Zweiter Weltkrieg
- Küntzel, Matthias: Die Deutschen und der Iran. Das Standardwerk zur ideologischen Annäherung, dem „Arier“-Mythos und der NS-Propaganda in Persien.
- Wirsching, Andreas: Der Preis der Modernisierung. Analysiert die wirtschaftliche Abhängigkeit des Irans von deutschen Firmen wie Siemens und Hochtief.
- Akten des Auswärtigen Amtes (PAAA): Dokumente zur Umbenennung des Landes in „Iran“ 1935 auf Betreiben der Berliner Gesandtschaft.
Bonner Republik & Jubelperser (1967)
- Chaussy, Ulrich: Die drei Leben des Rudi Dutschke. Detaillierte Schilderung der Ereignisse vom 2. Juni 1967 und der Rolle der „Jubelperser“.
- Fichter, Tilman / Lönnendonker, Siegward: Kleine Geschichte der Verfassten Studentenschaft. Dokumentiert die Zusammenarbeit zwischen Berliner Polizei und dem SAVAK.
- Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses von Berlin (1967): Protokolle zum Polizeiversagen und der Gewalt durch iranische Agenten.
Mykonos-Attentat & Transnationale Repression
- Urteil des Kammergerichts Berlin (Az. (2) 1 StE 2/93): Das wohl wichtigste Dokument. Es beweist die direkte Verantwortlichkeit der iranischen Staatsführung für die Morde in Berlin.
- Rovan, Joseph: Der Mykonos-Prozess. Eine juristische und politische Aufarbeitung des Falls.
- Amnesty International / Human Rights Watch (Berichte 2024–2026): Aktuelle Dossiers zur „Transnationalen Repression“, die Methoden wie Sippenhaft und digitale Überwachung durch das MOIS in Deutschland belegen.
- Verfassungsschutzberichte (Bund & Länder): Jährliche Dokumentation der Aktivitäten iranischer Geheimdienste gegen die Exil-Opposition.
