Vera Lengsfeld gehört zu den prägendsten Figuren der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegung. Ihr Lebenslauf steht beispielhaft für den Mut zum Widerstand gegen eine sozialistische Diktatur, die bitteren Erfahrungen staatlicher Repression im Alltag und eine kompromisslose Haltung in der politischen Auseinandersetzung der Gegenwart.
Die Anfänge: Vom SED-Elternhaus in die Opposition
Ursprünglich aus einem systemnahen Elternhaus stammend – ihr Vater war Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) –, studierte Lengsfeld marxistisch-leninistische Philosophie. 1975 trat sie der SED bei. Doch die Diskrepanz zwischen ideologischem Anspruch und der realen Praxis des SED-Regimes führte bei ihr rasch zu einer tiefen Ernüchterung.
Ab Beginn der 1980er Jahre suchte sie den Kontakt zu Gleichgesinnten und entwickelte sich zu einer zentralen Leitfigur der ostdeutschen Umwelt- und Friedensbewegung. 1981 war sie Mitbegründerin des Friedenskreises Pankow, später engagierte sie sich in der oppositionellen „Kirche von Unten“ sowie in der legendären Umwelt-Bibliothek der Ost-Berliner Zionsgemeinde, die zu einem wichtigen Treffpunkt des friedlichen Widerstands wurde.
Die Werkzeuge des SED-Staates: Berufsverbot und Stasi-Zersetzung
Die Reaktion der DDR-Staatsmacht auf ihren politischen Aktivismus ließ nicht lange auf sich warten. Um Lengsfeld gesellschaftlich und wirtschaftlich zu isolieren, setzte das Regime auf das bewährte Instrumentarium staatlicher Gängelung:
- Berufsverbot und Parteiausschluss: Weil sie 1983 öffentlich gegen die Stationierung sowjetischer SS-20-Mittelstreckenraketen auf dem Gebiet der DDR protestierte, verlor sie umgehend ihre Anstellung als Lektorin an der Akademie der Wissenschaften und wurde aus der SED ausgeschlossen.
- Flächendeckende Infiltration: Das MfS überwachte Lengsfeld lückenlos über viele Jahre hinweg. In ihren Stasi-Akten wurden nach der friedlichen Revolution insgesamt 49 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) identifiziert.
- Der Verrat im intimen Raum: Die wohl tragischste Form der psychologischen Zersetzungsstrategie des MfS war die Unterwanderung ihres privaten Umfelds.
Verhaftung, Stasi-Haft in Hohenschönhausen und Abschiebung von Vera Lengsfeld
Im Januar 1988 geriet Vera Lengsfeld (damals Wollenberger) direkt in die Mühlen der DDR-Strafjustiz. Am 17. Januar ersuchten DDR-Bürgerrechtler (u. a. die Initiative Frieden und Menschenrechte), bei der staatlichen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration in Ost-Berlin eigene Transparente mit dem Rosa-Luxemburg-Zitat „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ mitzuführen.
Infolge dieser Proteste wurden rund 120 Personen festgenommen und unter anderem in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen gebracht. Zu der prominenten Gruppe der dort inhaftierten Oppositionellen gehörten neben Vera Lengsfeld u. a.:
- Stephan Krawczyk und Freya Klier
- Bärbel Bohley
- Werner Fischer
- Till Böttcher
- Wolfgang Templin und Lotte Templin
- Ralf Hirsch
Das SED-Regime versuchte, die Führungsköpfe der Opposition durch Abschiebung ins Ausland zu neutralisieren. Bürgerrechtler (wie Freya Klier, Stephan Krawczyk, Bärbel Bohley, Werner Fischer und die Familie Templin) wurden direkt in die Bundesrepublik Deutschland ausgebürgert bzw. abgeschoben.
Vera Lengsfeld selbst erhielt eine Haftstrafe wegen „versuchter Zusammenrottung“. Durch die Intervention von Kirchenvertretern und Anwälten (wie Wolfgang Schnur) stimmte sie einer Ausreise zu, um der Haft zu entgehen. Sie wurde im Februar 1988 nach Großbritannien ausgebürgert/abgeschoben, wo sie ein Studium am St. John’s College in Durham aufnahm. Am 9. November 1989 kehrte sie in die DDR zurück.
Vom Parteienwechsel zur Aufarbeitung der Diktatur
Nach der Wiedervereinigung setzte Vera Lengsfeld ihren politischen Weg im gesamtdeutschen Parlament fort. Von 1990 bis 1994 vertrat sie die Bürgerrechte im Deutschen Bundestag für Bündnis 90/Die Grünen. Aufgrund inhaltlicher Differenzen über den Kurs der Partei wechselte sie 1996 zur CDU und saß für diese bis 2005 als Abgeordnete im Bundestag.
Parallel zu ihrer parlamentarischen Arbeit engagierte sie sich im Berliner Bürgerbüro e. V., einem Verein zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur. Dort setzte sie sich unermüdlich für die Opfer des DDR-Regimes, deren Rehabilitierung und die Aufklärung der Stasi-Verstrickungen ein.
Die scharfe Kritik an der Berliner Republik
In den vergangenen Jahren entwickelte sich Vera Lengsfeld zu einer Vehementen Kritikerin der politischen Zustände und der Debattenkultur in der heutigen „Berliner Republik“. Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen mit den Unterdrückungsmechanismen des Realsozialismus mahnt sie vor einer schleichenden Erosion freiheitlicher Grundrechte.
- Verengung des Debattenraums: Lengsfeld wirft den heutigen politischen und medialen Eliten vor, den zulässigen Meinungs- und Diskurskorridor immer weiter zu verengen. Abweichende Positionen würden häufig nicht mehr argumentativ widerlegt, sondern moralisch stigmatisiert.
- Kritik an Regierungsentscheidungen: Insbesondere die Energie- und Migrationspolitik der Ära Merkel sowie der behördliche und mediale Umgang mit der parlamentarischen Opposition stehen im Zentrum ihrer Publikationen.
- Kampf gegen eine neue „Gesinnungsdiktatur“: Sie kritisiert regelmäßig, dass kritische Bürger oder Journalisten rasch in eine extremistische Ecke gerückt würden. Diese Dynamik betrachtet sie als besorgniserregendes Anzeichen für den Verlust rechtsstaatlicher Prinzipien.
Fazit: Das Erbe der Bürgerrechtlerin
Ob im Kampf gegen die SED-Diktatur oder als streitbare Publizistin in der Gegenwart: Das Leben von Vera Lengsfeld ist geprägt von dem unbedingten Willen zur eigenständigen Meinungsäußerung. In ihren Büchern, Vorträgen und eigenen Medienformaten plädiert sie weiterhin leidenschaftlich für den uneinschränkten Erhalt der Redefreiheit und die Verteidigung der Zivilcourage gegenüber jedem gesellschaftlichen Anpassungsdruck.
Mehr erfahren
- Webseite von Vera Lengsfeld
- Wikipedia Eintrag von Vera Lengsfeld
- Politische Verfolgung in der DDR
- Einschränkung der Meinungsfreiheit in Deutschland
Bildquelle: Von Sastognuti – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link
