Am Abend des 10. Mai 1933 flackerten auf den Plätzen fast aller deutschen Universitätsstädte wegen der Bücherverbrennung riesige Scheiterhaufen auf. Tausende von Büchern, verfasst von jüdischen, marxistischen, pazifistischen und demokratischen Autorinnen und Autoren, wurden im Rahmen einer von der NS-Propaganda inszenierten Aktion öffentlich dem Feuer übergeben. Was als „Aktion wider den undeutschen Geist“ begann, markierte den symbolischen Auftakt zur systematischen Vernichtung der geistigen Freiheit in Deutschland und war das direkte Präludium zur physischen Vernichtung von Millionen Menschen.
Vorbereitung und Akteure: Die organisierte Barbarei
Entgegen der weit verbreiteten Annahme, die Bücherverbrennung sei ein spontaner Wutausbruch des Pöbels gewesen, handelte es sich um eine durchgestaltete, vom Staat geförderte Kampagne.
- Die Rolle der Deutschen Studentenschaft (DSt): Die Hauptinitiative ging nicht direkt von der NSDAP-Führung aus, sondern von den hochschulpolitischen Organen. Die Hauptamtliche Abteilung für Presse und Propaganda der DSt steuerte die Aktion bundesweit.
- Die „Zwölf Thesen“: Ab April 1933 hängten Studenten in den Hochschulen Plakate auf, die sich in 12 Thesen „wider den undeutschen Geist“ wandten. Darin forderten sie unter anderem die Reinhaltung von Sprache und Literatur sowie die strikte Bekämpfung des „jüdischen Geistes“.
- Die „Schwarzen Listen“: Als Vorlage für die Plünderung von Bibliotheken und Buchhandlungen dienten Indizes, die unter anderem von dem Bibliothekar Wolfgang Herrmann erstellt wurden. Auf diese Verbotslisten gerieten rasch hunderte bahnbrechende Autorinnen und Autoren.
Der Ablauf der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933
Zentraler Austragungsort der Hauptveranstaltung war der Kaiser-Franz-Joseph-Platz (heute Bebelplatz) in Berlin, direkt gegenüber der Humboldt-Universität und neben der Staatsoper Unter den Linden.
- Der Fackelzug: Gegen 20:00 Uhr zogen über 40.000 Menschen, darunter SA-Angehörige, Studenten in Farbenbekleidung und Professoren in Toga, mit Fackeln durch die Stadt zum Opernplatz.
- Die Feuersprüche: Unter Trommelwirbel wurden die Bücher stoßweise in die Flammen geworfen. Dabei verlasen Sprecher ritualisierte „Feuersprüche“, die jeweils einer bestimmten Autorengruppe den Kampf ansagten:
- „Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergeben dem Feuer die Schriften von Karl Marx und Kautsky.“
- „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Gläser und Erich Kästner.“
- „Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geiste der Wehrhaftigkeit! Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Erich Maria Remarque.“
- Die Rede von Joseph Goebbels: Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda hielt um Mitternacht die zentrale Rede. Er rief den Geistesarbeitern zu: „Das späte Aas des alten Geistes wird hier dem Feuer überantwortet […] Das Gute bleibt, das Schlechte fällt.“
Prominente Opfer der Bücherverbrennung
Die Liste der betroffenen Werke liest sich wie das Who-is-Who der modernen deutschsprachigen Kulturgeschichte. Zu den Geächteten gehörten unter anderem:
| Kategorie | Betroffene Autoren (Auszug) |
| Pazifismus & Antikriegsliteratur | Erich Maria Remarque, Bertha von Suttner, Arnold Zweig |
| Sozialismus & Marxismus | Karl Marx, Friedrich Engels, Rosa Luxemburg, Karl Kautsky |
| Demokratie & Zeitkritik | Heinrich Mann, Thomas Mann, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky |
| Psychoanalyse & Wissenschaft | Sigmund Freud, Albert Einstein, Magnus Hirschfeld |
| Belletristik & Lyrik | Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Vicki Baum, Erich Kästner |
Erich Kästner war einer der wenigen betroffenen Autoren, die am 10. Mai 1933 anonym in der Menge auf dem Berliner Opernplatz standen und zusahen, wie ihre eigenen Bücher verbrannt wurden.
Folgen: Geistiges Exil und Kulturverlust
Die Bücherverbrennung war kein isoliertes Ereignis, sondern das Fanal für die Gleichschaltung des gesamten gesellschaftlichen Lebens.
- Exil der Intelligenz: In den Folgewochen und -monaten verließen Tausende Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler Deutschland. Städte wie Paris, Prag, Amsterdam und später New York oder Los Angeles wurden zu Zentren der deutschen Exilliteratur.
- Gleichschaltung der Preußischen Akademie der Künste: Mitglieder, die sich weigerten, die neue Machtergreifung zu unterstützen, wurden ausgeschlossen oder traten aus.
- Kulturelle Öde: Die Zerschlagung der pluralistischen Buch- und Presselandschaft hinterließ ein geistiges Vakuum, das durch völkische Kitschliteratur und militaristische Propaganda gefüllt wurde.
Erinnerungskultur & Das Prophetische Wort
Auf dem heutigen Bebelplatz in Berlin erinnert das unterirdische Denkmal von Micha Ullman an die Geschehnisse. Durch eine Glasplatte im Pflaster blickt man in einen weißen, unterirdischen Raum mit leeren Regalen, die Platz für rund 20.000 Bücher bieten.
Daneben ist eine Bronzetafel in den Boden eingelassen mit dem berühmten Zitat von Heinrich Heine aus dessen Tragödie Almansor (1821):
„Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“
Heines Aphorismus, geschrieben mehr als ein Jahrhundert vor den Ereignissen von 1933, erwies sich als schreckliche Prophezeiung: Der Geist, der am 10. Mai 1933 auf den Universitätsplätzen wütete, fand seine konsequente Vollendung in den Gaskammern von Auschwitz, Treblinka und Majdanek.
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Bildquelle: Von Bundesarchiv, Bild 102-14597 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

